Moin & Machen | Change the System

Bei der „Moin & Machen“ Oktober 2019 Ausgabe haben wir uns mit dem Thema Systemwandel beschäftigt. Es gibt so einige Fragen, die uns umtreiben. Zum Beispiel diese:

Wie sieht ein Wirtschaftssystem aus, mit dem wir gut und nachhaltig leben? Ist es möglich, die Wirtschaft von innen zu verändern? Was ist dafür notwendig? Müssen wir Nachhaltigkeit und soziale Ziele durch Zahlen legitimieren oder können wir die Logik der Gewinnmaximierung insgesamt in Frage stellen?

Um der Beantwortung der Fragen etwas näher zu kommen, haben wir Menschen eingeladen, die die Wirtschaft jetzt schon anders gestalten. Wir wollten nicht nur theoretisch diskutieren, sondern ganz praktisch wissen, welche neuen Ansätze es schon gibt. Dafür haben wir drei tolle Expertinnen und Experten gewinnen können.

Dirk Grahl hielt die Fahne für die GLS Bank hoch, Varena Junge war für Enyway gekommen und die Purpose Stiftung war durch Jakob Willeke vertreten.

Ich oder du? Wir oder ihr? Wer trägt wo und wie Verantwortung für Nachhaltigkeit?

Ja, jede und jeder Einzelne von uns kann tagtäglich sein Verhalten überdenken, nachhaltig konsumieren oder sich der Konsumwelt mal für einen Moment oder auch langfristiger entziehen. Wir wollten aber wissen, wie die Wirtschaft sich selbst von innen heraus verändern kann, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielen vor Augen. Uns ging es also um den Spielraum, den Unternehmerinnen und Unternehmer haben. Die zentrale Frage dabei war:

„Welche Utopien können wir uns für die Zukunft ausmalen und was genau heißt das für heute und für morgen?

Das machen unsere Gäste in ihren Unternehmen konkret anders:

Finanzbranche: Kredite für nachhaltige Unternehmer*innen in Deutschland

Dirk Grahl ist Regionalleiter bei der GLS-Bank in Hamburg und arbeitet dort schon seit mehr als 45 Jahren. Die GLS-Bank sei, so Dirk, damals in den Anfängen wie eine Art Selbsthilfegruppe aus Mitgliedern und Kunden gewesen. Nun ist die Bank die Nr. 1 Nachhaltigkeitsbank in Deutschland. Aber das Credo der GLS Bank sei immer schon ganz klar: Geld muss für den Menschen arbeiten und nicht andersherum. „Geld ist dafür da Ideen zu verwirklichen.“ Und da kämen Unternehmer*innen ins Spiel. „Das erste Bedürfnis eines Unternehmers ist das Kreditbedürfnis, um unternehmerische Ideen in die Welt zu tragen und zu verwirklichen. Diese Menschen kommen entweder auf uns zu oder wir finden sie auf. Das ist der Auftrag, den wir von unseren Kunden bekommen.“

Dirk erklärte auch, dass das Finanzsystem in seiner derzeitigen Verfassung sehr ungesund sei: Die Beziehung zwischen einem „zu viel Geld“ auf der einen und „zu wenig Geld“ auf der anderen Seite müsse langfristig besser ausbalanciert werden, am besten durch einen viel direkteren Kontakt von Finanzgeber und -nehmern.

Was macht die GLS Bank zu einer nachhaltigen Bank?

Energiebranche: Demokratisierung der Energiewende

Varena Junge von enyway war früher Greenpeace-Aktivistin und gründete dann zusammen mit anderen das Unternehmen, welches den Energiesektor revolutionieren soll. Eine wichtige Erkenntnis von Varena war nämlich, dass die Energiewende viel zu langsam heranschreitet, als für die Einhaltung von Klimazielen notwendig sei. Eine wichtige Statistik für Varena: „Interessant ist, dass nur 4% der Investitionen in die Energiewende durch große Konzerne getätigt werden. Der Rest kommt von Privatpersonen, Genossenschaften und anderen.“

Varena sei mit enyway zwar nur eine „Mücke im Raum“, weil das Start-Up noch recht klein ist, aber sie glaubt tief an die Veränderung, die sie herbeiführen können. Zwei Hauptziele verfolgt sie in ihrem unternehmerischen Tun: Dinge aktiv neu machen und Mehrwerte schaffen. Dafür müsse man Probleme zunächst verstehen und dann intelligent lösen. Mit enyway macht sie sich auf den Weg!

Wie funktioniert das Geschäftsmodell von enyway?

Langfristig unabhängige und sinnorientierte Unternehmen schaffen

Unser dritter Gast in der Runde war Jakob Willeke, der als Berater bei der Purpose Stiftung tätig ist. Die Stiftung wirbt für „Sinnmaximierung vor Gewinnmaximierung“ und berät Unternehmen dabei wie Eigentum neu gedacht werden kann d.h. Eigentümerstrukturen die verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln ermöglichen. Außerdem investiert Purpose in solche Unternehmen in Verantwortungseigentum. “Es geht darum, Unternehmerschaft und Eigentümerschaft zusammenbringen. Die Eigentümer können also nur Menschen sein, die unmittelbar mit dem Unternehmen verbunden sind”, erklärte Jakob. Damit wird verhindert, dass Shareholder, die sich nicht für das Kerngeschäft interessieren Macht über operative Entscheidungen bekommen. Stattdessen kann so sicher gestellt werden, dass diejenigen, die am meisten von den Kunden und ihren Problemen verstehen, auch die Entscheidungen treffen können.

Was bedeutet Verantwortungseigentum?

Raum und Zeit für Utopien

Nach der Vorstellung der drei Beispiele waren alle Anwesenden eingeladen sich in die Diskussion einzubringen. Es wurden viele kritische Fragen gestellt und Vorschläge formuliert. Die Diskussion in allen Details wiederzugeben, würde diesen Blogbeitrag etwas sprengen. Aber ein paar Erkenntnissen sollen doch festgehalten werden:

  • Das Wirtschaftssystem ist von Menschen gemacht und es kann auch wieder von ihnen verändert werden.
  • Start-Ups sollten sich von vorhinein mit Zukunftsfragen beschäftigen und nachhaltige Unternehmensformen wählen.
  • Neben der Transformation der Wirtschaft wir sollten wir noch weiter immens politische und Bildungsarbeit leisten. Es braucht auch einen kulturellen Wandel, der mit dem Wirtschaftswandel einhergeht.
  • Wir müssen nicht alle neue Unternehmen gründen, auch als Arbeitnehmer können wir schon heute viele neue, wichtige Impulse setzen.
  • Lasst uns loslegen! Sozial-ökologisches Unternehmertum muss raus der Bubble – rein in die Sinnflut!

Danke für all die wertvollen Impulse und den Austausch.

Better business im betahaus

Dankende Worte gehen neben den Gästen und Speaker*innen an das betahaus Hamburg, dessen Räumlichkeiten wir nutzen durften. Der Geschäftsführer des Co-Workingspaces in der Schanze, Robert Beddies, war selbst zur Diskussion erschienen, da er gerade ein neues Projekt anstößt, welches das Thema des Abends auf unterschiedliche Arten und Weisen tangiert: Eine große Immobilie in Altona soll bald genossenschaftlich betrieben werden. Wir sind gespannt, welche Ideen du von Moin & Machen mit nach Hause genommen hast.

Also, liebes betahaus: Großartig, dass ihr auf so vielfältige Art und Weise Menschen zusammenbringt! Und nur bei Euch können sich unsere Speaker*innen in parallel stattfindende Veranstaltungen wie dem „Flirt, Liebe & Sex“-Coaching verlaufen und die Stimmung gleich am Anfang mit einer wirklich amüsanten Anekdote („Als ich das Wort ‚Dirty-Talk‘ hörte, wusste ich, ich war falsch!“) bestens auflockern. Danke, dass ihr so vielfältig, aufgeschlossen und unterstützend seid. Immer weiter so!

Juhu! Moin & Machen gibt es monatlich!

Moin & Machen findet das nächste Mal im November statt. Wir werden uns auf das Thema kulturelle Nachhaltigkeit stürzen und Künstler und Kreative zu uns einladen. Bei Facebook ist man am schnellsten informiert, wenn Datum, Ort und Programm feststehen. Aber auch über die Homepage stellen wir die Informationen schnellstmöglich bereit.

#moinundmachen

Veranstaltungstipps:

Climathon Hamburg 2019, Impact Hub
Transformationskongress 2019, RENN
Buchvorstellung „This is not economy“ mit Christian Felber, GWÖ

Weiterführende Links:

Wer mehr zum Thema Systemwandel lernen möchte: Ashoka hat eine sehr ansprechende Lernplattform entwickelt, die anschaulich erklärt, um was es dabei geht und was wichtig ist.